Das “Taube-Hände-Problem”

Taubheitsgefühle in den Händen sind eines der häufiger vorkommenden Probleme bei Radfahrern, schaut man sich in einschlägigen Foren um kann man neben hilfreichen Tipps auch Tipps zu lesen bekommen die man besser nicht umsetzt. Da wird auch gerne mal verbreitet “man muss sich halt mit der Zeit daran gewöhnen” oder “das gehört dazu” oder “schieb mal den Sattel etwas weiter nach vorne“. Während die ersten beiden Tipps an gefährlichen Unfug grenzen, ist letzterer schlichter Blödsinn. Mit der vor/zurück Einstellung des Sattels lässt sich weder das “Taube Hände” Problem noch ein Ggf. vorhandenes Reichweite-Problem lösen.

Hinweis: Es sollten auf dem Rad weder Schmerzen noch Durchblutungs- oder Empfindungsstörungen auftreten, alles das sind Symptome für eine fehlerhafte Einstellung des Rades!

Blausen.com staff (2014)

Taubheitsgefühle (Empfindungsstörungen) sind ein ernstzunehmendes Problem! Nach dem schon oben zitierten “man muss sich daran gewöhnen” Prinzip vorzugehen kann nicht unerhebliche, im schlimmsten Fall bleibende Schäden verursachen. Die Ursache des “Taube-Hände-Problems” können sowohl durch den Druck auf die Nervenbahnen (z.B. Ulnaris) der Hand als auch durch die Blockade des Blutflusses verursacht werden. Bisweilen können auch Verspannungen und Fehlhaltungen (bedingt durch mangelhafte Einstellung des Rades) im Bereich der Schultern, der Wirbelsäule oder auch des Beckens solche Symptome auslösen.

Hier mal einige Praxistipps wie man dem Problem beikommen kann:

Die Justage der Sattelneigung ist der erste Ansatzpunkt wenn es darum geht etwas Druck von den Händen zu bekommen. Ich gehe jetzt mal vereinfachend davon aus das das Rad dem Fahrer passt (Rahmengröße etc) und insbesondere die Sattelhöhe zumindest einigermaßen korrekt eingerichtet ist.

Als erstes braucht es einen Stabilitätstest, den führt man folgendermaßen aus: Auf einem Turbo-Trainer oder auf der Straße (vorzuziehen) mit mittler bis hoher Leistung (etwas schwererer Gang mit gewohnter Kadenz z.B. 52/17@90rpm) fahren und die Hände vom Lenker nehmen (ohne die Haltung des Oberkörpers zu verändern) und entweder seitlich zum Oberkörper halten oder hinter dem Rücken verschränken, im Idealfall kann man seine Position auf dem Sattel ohne besondere Anstrengung halten. Wenn das nicht der Fall ist, stellen sich folgende Fragen: Rutscht man nach vorne? Drückt die Sattelnase in die Weichteile?

Für die Einstellung der Sattelneigung braucht man folgende Werkzeuge:

  • Imbusschlüssel
  • Drehmomentschlüssel
  • Lineal oder Maßband evtl. auch eine Wasserwage
  • Geduld 😉

Als erstes die Ausgangsposition ausmessen: Dazu mit dem Lineal den Abstand zwischen der Sattelnase und dem Oberrohr in Fallinie messen. Hier ist Genauigkeit gefragt denn die Einstellungen erfolgen im Millimeterbreich und alles soll sowohl reversiebel als auch reproduzierbar sein. Am besten arbeitet man mit dem in einem Turbo-Trainer eingespannten Rad damit man die Einstellungen sofort testen kann. Es ist eine gute Idee sich die Maße und eine kurze Einschätzung jeder Einstellung zu notieren um später einen Überblick über alle Versuche zu haben.

Hat man im oben beschriebenen Test festgestellt das man auf dem Sattel nach vorne rutscht, wird die Sattelnase nun etwas anghoben beim ersten Schritt um 2mm, im anderen Fall, also bei Druck auf die Weichteile, gehts den umgekehrten Weg. Dann folgt der erste Test der neuen Einstellung auf dem Turbo-Trainer. Das Spiel nun solange treiben bis der “sweet spot” gefunden ist, zuerst in 2mm, später in 1mm Schritten.

Bei manchen Sattelstützen kann das Einstellen der Sattelneigung eine Aufgabe für den “Homo fummiliensis” sein, insbesondere Modelle mit einer zentralen Schraube zur Sattelbefestigung brauchen gerne mal den ein oder anderen Versuch mehr bis die gewünschte Einstellung sitzt. Für den ersten Test in freier Wildbahn die Verschraubung der Sattelbefestigung mit dem Drehmomentschlüssel auf das richtige Anzugsmoment bringen, je nach Art Sattelstütze sind hier Werte von 6-15Nm gefordert, das Anzugsmomnet ist i.d.R. an der Verschraubung angegeben.

Es ist nicht unbedingt davon auszugehen das nach dem ersten Versuch schon die ideale Einstellung der Sattelneigung gefunden ist, hier heißt es nicht die Geduld verlieren. Besonders wer das ganze im DIY Verfahren bewerkstelligt braucht meistens einige Versuche mehr bis alles passt.

Eine weitere Möglichkeit den Druck von den Händen zu bekommen oder diesen zumindest etwas zu mindern ist das doppelte Wickeln des Lenkerbands bzw. das Lenkerband an den neuralgischen Stellen zu unterfüttern. Das kann einiges an Druckspitzen und Vibrationen von den Händen fern halten. Auch qualitiativ gute Handschuhe (nach funktionalen Aspekten ausgewählt!) können eine weitere Hilfe bei Handproblemen sein.

Auch die Lenkerbreite, die Position der Bremsgriffe, die Vorbaulänge, die Sattelüberhöhung, die Cleatposition etc. können beim “Taube-Hände-Problem” mit eine Rolle spielen, das kann am besten bei einem Bike fitting Punkt für Punkt abgearbeitet werden. Ebenso wird eine Analyse der Sitzhaltung auf dem Rad mit dem entsprechenden begleitenden Gymnastikprogramm seinen Teil zur Lösung des Problems beitragen.

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